JULIUS CYPHANDRIUS | LINUS LUMPITZSCH
››ANGST‹‹
››ANGST‹‹
Hier folgt nun die Leseprobe zu ››ANGST‹‹, dem Psychothriller von Julius Cyphandrius/Linus Lumpitzsch (erschienen als E-Book im März 2014, aktualisierte Fassung verfügbar seit 7. Juli 2015), der bei Amazon im Kindle Store erhältlich ist.
Website des E-Book-Psychothrillers ››ANGST‹‹:
http://www.hitchten.de/angst/
JULIUS CYPHANDRIUS | LINUS LUMPITZSCH
››ANGST‹‹ (Leseprobe)
Psycho-Thriller
– Überarbeitete Fassung vom 7. Juli 2015 –
Inhalt
Eine mordende Bestie in Menschengestalt verursacht Angst und Schrecken in Hitchten.
Die Polizisten Billy Blank und Norman Queer – ein wenig planlos, aber humorvoll – versuchen, während sie im Laufe ihrer Ermittlungen einer ganzen Reihe merkwürdiger Menschen begegnen, den Serienmörder zu schnappen, wobei sie aber einerseits vor allem ihren Boss Mortrian Abuzic wütend und immer wütender machen, andererseits dafür sorgen, dass der Mann mit dem kantigen Gesicht Blank & Queer eine kleine Notiz hinterlässt…
››Im Irren eurer Ermittlungen vermögt ihr nicht die Sorgfalt meines Tötens zu erkennen. In euren Versuchen des Beendens dieser wundervollen Taten, welche ich aus Liebe zu Gott vollbringe, erscheint ihr mir als erbärmliche, nicht verstehen wollende Kreaturen der Dummheit. Nehmt den Kampf auf und bereitet mir ein wenig Abwechslung!‹‹
Die Jagd hat begonnen, doch wer ist der Jäger, wer der Gejagte?
››ANGST‹‹ ist ein Psycho-Thriller, der durch einige Prisen Humor und Merkwürdigkeiten bereichert und voller Leidenschaft und Enthusiasmus geschrieben wurde.
Julius Cyphandrius ist ein Pseudonym von Linus Lumpitzsch. Der Autor wurde 1976 geboren und liebt neben dem Erfinden und Schreiben von Geschichten auch das Lesen, die Musik und den Film von ganzem Herzen. Eine Übersicht weiterer Veröffentlichungen ist auf www.hitchten.de sowie www.hitchten.de/8stories/veroeffentlichungenvonlinuslumpitzsch.htm zu finden.
Widmung
Dieser Roman ist Anneke gewidmet.
››I’m still looking for these angels in the snow‹‹
36 Crazyfists, ››Slit Wrist Theory‹‹
Intro
››Fuck,
diese Bestie hat schon wieder zugeschlagen‹‹, fluchte Norman Queer.
Der
kalt schneidende Wind fraß seine Stimme beinahe auf. Er betrachtete abermals die
Leiche, wobei sein Hauptaugenmerk auf die Schnitzerei im Gesicht des Getöteten
gerichtet war.
Sein
Partner Billy Blank stand ein wenig abseits und schüttelte angewidert den Kopf.
Der
hell scheinende Mond warf seinen mystischen Schein mitten in den Park, in
welchen sie gerufen worden waren.
››Ein
Big Mac. Mann, das wär’s jetzt. Oder, was meinst du?‹‹ lautete die Reaktion von
Blank. Er sah seinen Partner eine Weile an und ließ seinen Blick dann durch die
Gegend schweifen.
Der
Mond beschien den leblosen Körper des Ermordeten, als wolle er ihn präsentieren.
››Was
für eine Sauerei‹‹, zürnte Police-Officer Queer weiter, nahm einen langen Zug
an seiner filterlosen Zigarette, reagierte jedoch auf die kulinarischen Gelüste
von Billy Blank nicht im Geringsten.
Der
Kauz am Boden war bereits das dritte Opfer in dieser Woche und Norman Queer nervten
die ständigen Weckanrufe mitten in der Nacht. Die billige und graue Digitaluhr
an seinem rechten Handgelenk zeigte an, dass es kurz nach drei Uhr am Morgen
war.
››Eine
verdammt kranke Scheiße ist das, Norman‹‹, meinte sein Kollege Billy Blank und
blickte erneut auf das blutverschmierte und total verstümmelte Mordopfer.
Die
Mordserie, die sich in letzter Zeit in Hitchten-Süd abspielte, was ein einziger
Jammer. Irgendein Irrer schien Rache nehmen zu wollen für irgendeinen Mist.
Norman
Queer und sein Partner Billy Blank waren die Idioten, die sich nach Meldung des
Fundes einer weiteren Leiche in dieser Mordserie an den entsprechenden Tatort
begeben mussten. Diese verfluchte, verdammte, beschissene Serie. Konnte sich
der Penner nicht ein anderes Hobby auswählen?
››So
langsam kotzt mich diese verdammte Arbeit wirklich an‹‹, meinte Billy Blank,
stellte jedoch zugleich ein wenig beschämt fest, dass der Anblick der Leiche
nicht allzu viel der Rührung bei ihm hervorrief.
Das
Funkgerät im Streifenwagen knisterte.
››Wagen
sieben, bitte melden! Was is‘ denn heute wieder los mit euch? Seid ihr von ’nem
UFO entführt worden, oder was?‹‹ fragte Clarissa Archer in der Zentrale des
Polizeireviers.
››Verdammt,
lass uns diesen Pechvogel mal genauer anschauen‹‹, gab Queer von sich, nahm
einen weiteren Zug an der Zigarette, bemerkte, dass ihm diese im Augenblick
nicht im Geringsten schmeckte und schmiss sie folglich von sich.
››Hat
dir der schöne Anblick bisher noch nicht gereicht?‹‹ wurde Billy Blank – nun
etwas genervt klingend – los und folgte seinem Partner in Richtung des
Getöteten.
Im
Lichtkegel der Scheinwerfer des Streifenwagens verging nicht viel Zeit, bis Norman
erkannte, dass der mordende Bastard seiner Linie treu geblieben war.
››Verfluchte
Scheiße‹‹, brachte Billy Blank stammelnd hervor. Auch wenn ihn der Anblick der
Leichen, die er an Tatorten zu Genüge zu begutachten hatte, obwohl er erst seit
kurzem bei der Polizei Hitchten an Bord war, normalerweise nicht mehr
sonderlich kümmerte, so entsetzte ihn jener dieses Opfers nun doch ebenso sehr,
wie das offensichtlich auch bei seinem Kollegen Norman Queer der Fall zu sein
schien.
››Gib
schon die Scheißmeldung durch‹‹, grummelte Norman genervt und angewidert
zugleich. Die bescheuerte Arbeit in dieser Drecksstadt Hitchten und jene ihnen
anvertraute Mordserie kotzten ihn zutiefst an.
››Er
hat nichts daran geändert. Dieser Typ ist die Ausgeburt der Hölle‹‹, entgegnete
Blank. Dann verschwand er in Richtung des Streifenwagens, aus dem ohnehin schon
wieder über Funk nach ihnen gefahndet wurde.
Queer
beobachtete kurz seinen zweiunddreißigjährigen Kollegen mit der witzigen kurzen
Lockenfrisur und wandte sich dann dem jüngsten Opfer zu.
Auch
in dieser Novembernacht war der Hinweis anonym in der Zentrale eingegangen. Abermals
– wie bei jedem bisherigen Anruf im Zusammenhang mit dieser beschissenen
Mordserie – hatte wer auch immer von einem öffentlichen Telefon aus angerufen.
Bei
der Leiche handelte es sich auch diesmal – so viel erkannte Norman Queer sofort
– um einen ihm bekannten Highschool-Lehrer einer Schule aus dem Süden von
Hitchten.
Was
war das nur für ein Trauerspiel? Die Lehrer dieser Schule schienen den Tod ebenso
anzuziehen, wie das ein Haufen Scheiße mit Fliegen zu tun pflegte.
Seit
Wochen hagelte es Tote.
Noch
im Oktober – vor zwei Wochen – waren zwei Lehrer tot aufgefunden worden. In
dieser Woche nun, nachdem in der letzten ausnahmsweise nur ein Lehrer getötet
worden war, hatten sie schon wieder den dritten ermordeten Lehrer vor Augen.
Der
Hunger irgendeines kranken Ungeheuers schien sich nun wieder deutlich zu
steigern.
Wenn
diese Scheiße so weiterging, dachte sich Norman, während er dem eisig
schneidenden Wind große Beachtung schenkte, würde die Arbeitslosenquote unter
den Lehrern zumindest in dieser Stadt bald bei null Prozent liegen.
››Was
für ein Bastard ist das?‹‹ stellte Queer dem Wind jene Frage, welche im
Augenblick nicht beantwortet werden konnte.
››Weiß
der Teufel. Vielleicht irgendein zutiefst verbitterter Schüler? Tja, da bin ich jedenfalls froh, dass ich mich für diesen Job entschieden hab‘, so verdammt scheiße er auch manchmal
ist‹‹, entgegnete Blank, als er wieder auftauchte.
››Ist
das also wirklich wieder einer von der Highschool-Süd?‹‹
Norman
nickte nur kurz und überlegte im Anschluss daran, ob er sich eine weitere Zigarette
anstecken sollte. Er entschied sich dazu, das bleiben zu lassen und sah
stattdessen seinen Partner an.
››Bringen
wir dieses Trauerspiel hinter uns, Billy. Lass uns diesen verfluchten Tatort
absichern und rausfinden, ob unser Freund nicht vielleicht doch unvorsichtig
geworden ist und hier irgendwo irgendwas außer ’ner Leiche und ’ner Menge
Fragezeichen zurückgelassen hat.‹‹
Wenig
begeistert nickte Blank, sagte: ››Weißt du? Manchmal frage ich mich, in welch
kranker Welt wir leben‹‹, und begann dann mit seiner Arbeit.
Zur
Unterstreichung seiner Aussage blickte er erneut auf das radikal zerschnittene und
zudem extrem verstümmelte Gesicht des ehemaligen Lehrers, der in dieser
Aufmachung prima und sofort in jedem Gruselkabinett des Grauens hätte anfangen
können. Dafür wäre es noch nicht mal notwendig, ihm den offensichtlich
abgehackten rechten Arm wieder anzunähen.
Seit
die beiden in der vergangenen Woche wegen eines Gesprächs mit allen Lehrern der
Highschool-Süd von Hitchten zusammengekommen waren, um über den möglichen Schutz
der einzelnen Lehrer zu sprechen, kannte er das Gesicht eines jeden einzelnen von
ihnen. Norman Queer war mit einem äußerst guten fotografischen Gedächtnis
ausgestattet und er konnte sich Gesichter im Gegensatz zu Namen sehr gut merken.
››Was
für eine kranke Scheiße. Ist also genauso bearbeitet worden wie die anderen‹‹, warf
Billy ziemlich langsam und außerdem recht bleich im Gesicht die Worte in
Richtung des dunklen Nachthimmels, um dieses Blutbad nicht betrachten zu müssen.
››Tolle
Feststellung, was glaubst du denn? Nein,
der sonnt sich hier nur ein bisschen. Ich frag‘ ihn gleich mal, ob er noch ’ne
Runde mit uns trinken geht. Ja,
verdammt. Ein glatter Stich mitten ins Herz. Und dann hat dieser nette Bursche
mit dem Zerstümmeln losgelegt. Hatte wohl Langeweile. Manchmal hab‘ ich
wirklich genug von diesem ganzen ekelhaften, kranken, widerlichen Mist.‹‹
Billy
Blank erwiderte nichts auf diese Aussage. Er begab sich kopfschüttelnd auf die
Suche nach möglichen Spuren oder verlorenen Gegenständen, welche mit dieser Gruseltat
zusammenhängen konnten und wünschte sich, Kartenabreißer in irgendeinem
beheizten Kino zu sein und jetzt außerdem lieber zu Hause mit einem Bier und
’ner netten Mieze.
››Weit
und breit kein Haus. Nix, wo irgendwer was hätte sehen können‹‹, meinte Norman
Queer mürrisch und fragte sich, wann der total überflüssige Notarztwagen
auftauchen würde und ob Billy bereits einen Leichenwagen angefordert hatte.
Außerdem fragte er sich, ob es nicht besser wäre, sich eine andere Arbeit zu
suchen.
››Schrecklich‹‹,
wurde Queer dann noch los und klang fast selbstmitleidig. Er war unglaublich
müde und wünschte sich sehnlichst sein Bett herbei. Mit diesem Horrorscheiß
wollte er nichts zu tun haben.
Seit
über zehn Jahren arbeitete er nun schon im Streifendienst von Hitchten. In
dieser langen Zeit hatte er viel miterlebt und eine Menge Blut und widerlichen
Mist gesehen.
Er
hatte durchaus auch einige schönen Dinge erlebt: Wenn ihn alte Damen freudig umarmten,
weil er ihnen durch spezielle Kletteraktionen eine Katze zurückgebracht hatte,
oder wenn er einmal wieder ein kleines Kind, welches sich verirrt hatte, nach
Hause brachte.
Aber
dieser verfluchte und abscheuliche Fall nun, diese ganze beschissene Mordserie,
all die erstochenen, im Gesicht zerschnittenen und zerhackten Opfer, diese
ganze kranke Scheiße verlangte ihm doch seine letzten Nerven ab.
Blank
suchte noch immer mit seiner stark leuchtenden Taschenlampe nach möglichen
Spuren im Kurt Cobain-Gedächtnispark von
Hitchten. Bisher hatte er lediglich Abfälle und Hundekot entdecken können, nun
ließ seine Geduld langsam aber sicher nach. Er suchte nur noch oberflächlich
nach möglichen Rückbleibseln, welche auf die Tat hinweisen konnten.
››Dieser
Spinner geht jedes Mal gleich vor. Ein kurzer Stich mit dem Messer und das war
es dann auch schon. Zum krönenden Abschluss gibt‘s dann noch eine fröhliche Schnitzarbeit
im Gesicht, mal ’nen Arm abgetrennt, mal ’n Bein und fertig. Billy, diese Welt
ist sowas von kaputt‹‹, meinte Norman Queer mit einer melancholischen und doch
zugleich gelangweilten Stimme.
Blank
achtete nicht auf ihn. Er intensivierte erneut seine Suche, richtete seinen
Blick wieder zweimal auf jede Stelle und spürte schmerzlich, dass ihm sehr viel
Schlaf fehlte. Er hatte heute Nacht auf solch einen Quatsch mit jeder Menge
blutiger Soße kein bisschen Lust und begann, über etwas nachzugrübeln.
Wieder
blickte sich Queer um und diesmal besiegte ihn der Drang, sich eine Zigarette
anzuzünden. Dabei wurde er begleitet von einem großen Schuldgefühl, denn der
achtundvierzigjährige große Mann mit den braunen Haaren samt deutlichem
Graueinschlag und der leichten Hakennase hatte sich eigentlich geschworen, auf
das Rauchen zu verzichten, nachdem sein Husten schlimmer geworden war. Aber im
Augenblick kümmerte ihn das so viel wie die Wettervorhersage für die Färöer-Inseln.
Die
Motivation war eher unterirdisch anzusiedeln, denn bei all den anderen Tatorten
hatte dieser geisteskranke Widerling nicht die geringste Spur hinterlassen.
Weshalb sollte es ausgerechnet in dieser stechend windigen und eiskalten
Novembernacht anders sein?
››Nichts,
Norman‹‹, meinte der in seinen jungen Dienstjahren noch etwas enthusiastischere
Billy Blank und schüttelte den Kopf. Dann zog er sich seine Uniform zurecht, da
ihn eine kalte Woge des Windes erfasst hatte und trat auf seinen Partner zu,
der immer wieder Züge an der filterlosen Zigarette nahm und dazwischen das eine
oder andere mal hustete.
››Du
solltest diesen Scheiß wirklich lassen.‹‹
Diesem
Kommentar von Blank fügte Norman Queer lieber nichts hinzu. Stattdessen strich
er sich mit der freien linken Hand durch das Haar und blickte erneut in die
Richtung, aus der sie der unnötige Notarztwagen erreichen würde, deren Insassen
mal wieder Freikarten für die Horrorshow ergattern würden.
››Haste
eigentlich schon den Leichenwagen angefordert?‹‹ fragte Billy, wobei nun Norman
für Momente schmunzeln musste, da er an Blanks Kommentar rund um das Rauchen
dachte. Dann jedoch schüttelte er den Kopf.
››Immer
mit der Ruhe. Hauptsache, wir kommen bald weg von hier.‹‹
Norman
nahm einen weiteren Zug an der Zigarette.
Erneut
gab das Funkgerät im Streifenwagen sieben ein Knacksen von sich und wieder
meldete sich Clarissa.
››Wagen
sieben? Norman? Billy? Habt ihr euch schlafen gelegt, oder was? Ist der Notarztwagen
schon da? Lebt der Typ überhaupt noch? Ich muss den ganzen Käse doch notieren.‹‹
Ein
Lächeln zog sich über Blanks Gesicht. Er hatte Clarissa bei der letzten Jahresfeier
des Reviers und im weiteren Verlauf jener wundervollen Nacht eindeutig genauer
kennengelernt und dachte daran, demnächst jenes schöne Erlebnis mit ihr
wiederholen zu wollen.
Billy
Blank bewegte sich kommentarlos und trotzdem grinsend auf den Streifenwagen zu,
dessen Scheinwerfer nach wie vor ihre grellen Kegel genau auf den Tatort
warfen, an welchem der Lehrer mit wie ein X übereinanderliegenden Beinen und
einzelnen um ihn herum verteilten Körperteilen lag, die bis vor kurzer Zeit
noch ihm gehört hatten.
Das
sah sogar ein Blinder mit Krückstock, der jedoch in Anbetracht dieses Szenarios
hier, das auch einem alten Romero-Film hätte entnommen worden sein können, froh
sein konnte, nichts zu sehen.
››Süße,
da ist noch kein Notarztwagen zu sehen. Schätze, unser Freund hier dürfte kaum
noch einen benötigen. Das hat sich für den wohl ein für alle Male erledigt. Ein
schwarzer Schlitten scheint angebrachter. Aber wenn du Langeweile hast, …‹‹
Er
grinste ihr über das Funkgerät zu.
››Lass
den Blödsinn, Billy! Ich bin heut‘ Nacht verdammt genervt. In Hitchten scheint‘s
mal wieder drunter und drüber zu gehen. Was für ’ne verfluchte Scheißstadt.‹‹
Billy
Blank beobachtete für Augenblicke etwas belustigt Norman, dann wandte er sich
wieder dem entfachten Gespräch zu, wobei er schon darüber nachdachte, wie er
Clarissa mal wieder in sein Bett bekommen konnte, um sie dort flachzulegen.
Norman
Queer fotografierte gerade den toten Körper des Lehrers. Er wirkte dabei keinesfalls
so, als knipse er eine Leiche, sondern eher, als habe er sich einen schicken
Sonnenuntergang als Motiv auserwählt.
Obwohl
auch in ihrem Revier beruflich damit beauftragte Personen für das Fotografieren
verantwortlich waren, hatte Norman irgendwann vor Jahren begonnen, heimlich ebenfalls
Fotografien der Opfer anzufertigen. Kälte und Distanziertheit, so wie das in
seinem Beruf Pflicht war, waren auch nun – und da war er froh darüber – zu ihm
zurückgekehrt.
››Ja.
Da scheint wieder mal irgend ‘ne Seele verbittert zu sein. Aber wenn diese
Scheiße vorbei ist, meinst du, wir könnten dann mal wieder ausgehen?‹‹
Er
versuchte, möglichst schüchtern und zurückhaltend zu klingen. Sie lächelte,
zumindest hörte es sich über die Leitung des Funks für Billy irgendwie danach an.
››In
Ordnung, Billy‹‹, meinte sie und während er sich mit sich ausbreitendem Grinsen
im Gesicht freute, beendete sie das Gespräch, da sie eine Meldung eines anderen
Streifenwagens hereinbekam.
Nun
fuhr der Notarztwagen mit Sirenengeheul vor. Ein routiniertes Team stellte nach
kürzester Zeit den Tod des bemitleidenswerten Lehrers fest (welch eine
Leistung!) und die Formalitäten wurden erledigt.
Ein
Dankeschön für den Gratiseintritt in die Geisterbahn wurde keiner vom entsetzten
Notarztteam los. Über sein Mobiltelefon rief der Notarzt den Leichenwagen
herbei, auch wenn der Tatort noch weiter zu untersuchen war.
Dann
verschwand der Wagen zur nächsten Katastrophe. In Hitchten gab‘s nun mal in
letzter Zeit verdammt viel zu tun.
››Scheiße,
nicht die kleinste Spur. Verflixt, verdammt und zugenäht. Dieser Penner scheint
‘n verfluchter Profi zu sein‹‹, fluchte Billy Blank und bewegte sich wieder auf
den Streifenwagen zu.
››Mal
sehen, wie die Bilder werden‹‹, wurde Queer total unzusammenhängend los.
››Schon
mal dran gedacht, Fotograf beim Penthouse
zu werden?‹‹ schlug Billy Blank seinem Partner vor. ››Ich mein‘ ja nur, dass
das vielleicht netter wäre, als diesen schrecklichen Horror-Schrott
festzuhalten.‹‹
Kurz
sah Norman, der auf den guten Vorschlag nicht im Geringsten einging, noch
einmal dorthin, wo einsam und alleine das mehr oder weniger zerstückelte Mordopfer
lag. Das würde sich bald ändern, da der offiziell beauftragte Fotograf sowie
der Leichenwagen hoffentlich unterwegs waren. In Hitchten ging diesbezüglich
mittlerweile alles immer ziemlich schnell und routinemäßig vonstatten. Tote
gab’s hier beinahe so viele, wie anderswo Sandkörner am Strand.
Man
durfte diese üble Scheiße nicht an sich ranlassen. Dennoch verspürte Norman
Queer großes Verlangen danach, diesen mordenden Spinner endlich zu fassen,
welcher sie seit Wochen ständig aus dem Schlaf riss und immer wieder mit neuen
Kreationen des ekelhaften Schreckens beglückte.
››So
ein Haufen gequirlter Mist, Billy. Funk‘ die Zentrale an.‹‹
Billy
Blank hatte sich bereits im Wageninneren auf dem Fahrersitz niedergelassen und
gab die Neuigkeiten an die Zentrale durch. Diesmal hatte er leider nicht
Clarissa am Funkgerät, die sich wahrscheinlich absichtlich hatte ablösen
lassen, um nicht nochmal mit dem Schwachkopf quatschen zu müssen.
Billy
beschränkte sich auf die nötigsten Informationen, ließ aber eine zusätzliche
Info über seinen Partner folgen, auch wenn die eine Lüge war, von welcher der
noch gar nichts wusste.
So
viel Ärger ihnen das wahrscheinlich auch einbringen würde, er vermisste den
Schlaf zutiefst, weswegen er soeben eine Entscheidung getroffen hatte, wegen
der er nun eben ein wenig mogeln musste.
Nachdem
er anschließend eine schwarze Limousine sowie den Tatort-Fotografen bestellt hatte,
warf er für eine Weile seinem noch recht fleißigen Partner Norman Queer einige
belustigte Blicke zu.
››Hier
ist einfach nichts. Null. Was bringt es uns, wenn wir jetzt wie wild durch
diesen bescheuerten Park rennen, am Ende dann aber doch nichts finden?‹‹
Billy
Blank wusste nur zu gut, wie unzufrieden Norman Queer stets war, wenn sich
ihnen ein neuer Fall auftat, welcher unlösbar schien, so wie sich das nun auch
bei jener Lehrer-Mordserie verhielt, bei der sie eher rückwärtsgingen, statt
vorwärts zu kommen.
Billy
Blank startete den Wagen und warf dabei einen letzten Blick auf den armen Wicht
am Boden, der sein Leben ausgehaucht hatte. Im Moment reizte es Blank kein
bisschen, hier zu warten, bis die bescheuerten Kollegen angetanzt waren.
››Wir
kriegen Riesen-Trouble, Billy. Wenn du jetzt fährst, macht uns Abuzic die Hölle
heiß. Und dann war’s das mit dem Job und ich kann mich bei McDonald’s hinter
die Theke stellen. Scheiße, die Leiche ist noch nicht mal abtransportiert. Bist
du wahnsinnig?‹‹
Doch
Billy Blank hörte nicht auf seinen völlig zu Recht total erzürnten Partner, was
für den Neuen ziemlich seltsam und ungewöhnlich war. Er winkte Norman Queer
ungeduldig und genervt dreinblickend zu sich.
››Wir
funken das neuste Kunstwerk dieses Psychopathen den beiden Vollpfeifen durch.
Mach‘ ich gleich. Die sind heut‘ Nacht im Einsatz und fahren im Norden Streife.
Du hast ’nen leichten Befall von was weiß ich was, weshalb wir heute Nacht
leider nicht können. Die Zentrale weiß Bescheid.‹‹
Für
Momente überlegte Norman Queer, dann entschied er sich dazu, dass er heute
Nacht – wie offensichtlich auch Blank – keine Lust auf diesen blutigen Müll
hatte und nickte seinem jungen Partner mit einem Grinsen im Gesicht zu.
››Weise
Entscheidung, dafür gibt’s stehende Ovationen. Du musst nur die Augen schließen,
dann hörst du sie. Und jetzt in die Blechbüchse, mein Guter‹‹, wurde Blank –
nebenbei herzhaft gähnend – los und griff sich das Funkgerät, um Ray und John,
die zu bemitleidenden Kollegen, herzubeordern.
Als
Blank sowie Queer vor lauter Flüchen und Verwünschungen der Kollegen, die schon
in Richtung Park unterwegs waren, noch die Ohren klingelten, setzte Billy Blank
den Wagen zurück und kurz darauf waren die beiden von diesem Ort des Gemetzels verschwunden.
Im
Revier würde Mortrian Abuzic am Morgen mit Sicherheit seine Wut über das
Verhalten seiner beiden Polizisten herauslassen. Aber Blank kümmerte das nicht
sonderlich viel. Der Wunsch nach Schlaf tötete alles andere im Moment schlichtweg
ab. Außerdem hatten sie bereits zu gute Dienste geleitet, die beiden anderen
Volltöffel mussten sie heute Nacht eben mal vertreten, da der arme Queer ganz
plötzlich erkrankt war.
››Was
bezweckt dieser Typ? Wie kann jemand zu derart Hässlichem in der Lage sein?‹‹
fragte Billy Blank gedankenversunken mit einer für ihn ungewöhnlich rauen
Stimme. Er sah auf die Straße vor ihnen und schien plötzlich sehr nachdenklich
zu sein.
Norman
Queer konnte das zwar verstehen, aber er nahm sich das alles – zumindest
meistens – schon lange nicht mehr so sehr zu Herzen, wie sein Partner das noch
immer zu tun pflegte. Allerdings drehte er im Kopf halb durch, weil Billy
einfach mal eben entschieden hatte, den Leichnam gemütlich dort im Stich zu
lassen. Angesichts des Massakers an dem Lehrer in dieser Nacht war er jedoch
durchaus selber deutlich angeschlagen und froh darüber, aus diesem Park
verschwunden zu sein.
Er
kannte seinen neuen Partner inzwischen doch schon ziemlich gut und war sich
darüber im Klaren, dass der manchmal
eben genau das durchzog, was er
wollte, oder wonach ihm der Sinn stand. Und schließlich hatten sie das ja auch
irgendwie gerade mal noch so gedeichselt für heute Nacht, wie er zumindest
hoffte. Ansonsten würde er vielleicht wirklich bei McDonald’s anfragen müssen.
››Was
weiß denn ich? Bin ich Jesus? Dieser kranke Typ ist mit Sicherheit irre. Was
sollte er davon haben, all diese Lehrer abzumurksen und kleinzuhacken?‹‹ entgegnete
Norman ziemlich barsch und warf Billy einen ratlosen Blick zu.
Billy
Blank nickte nur zustimmend mit dem Kopf und murmelte dann etwas
Unverständliches. Er wusste nur zu gut, dass aus den Wohnungen und Häusern der Ermordeten
im Anschluss an deren unsanftem Ableben nichts entwendet worden war. Raubmord
schied auch aus. Vor allem dann, wenn man sich die Opfer betrachtete, war
Folgendes ziemlich klar: Hier war Mr. Wahnsinn am Werkeln und hacken.
››Abuzic
reißt uns den Kopf ab…‹‹, begann Norman.
››…und
scheißt uns in den Hals‹‹, beendete Blank einen der Lieblingsflüche von Mortrian
Abuzic. Beide mussten lachen, wobei sie den Ernst der Lage im Augenblick nicht
erkennen konnten, da sie der Konzentration beraubt worden waren.
So
fuhren sie durch diese windige Nacht, welche von einer gespenstischen
Dunkelheit erfüllt war.
Einen
Mond schien der Himmel in dieser Nacht mit einem mal nicht mehr zu beheimaten.
Präzise
Sanft
streichelte er über die Digitalkamera. Die Bilder seines letzten Opfers hatte
er bereits den anderen auf seinem Computer hinzugefügt. Nun betrachtete er
zufrieden das seitlich geschossene Foto und spürte eine schöne Zufriedenheit in
sich. Wieder einmal war alles bestens verlaufen und das Ganze hatte ihm eine
Menge Spaß bereitet.
››Du
wirst hier niemals wieder rauskommen. Jedenfalls nicht lebend‹‹, teilte er mit
einer sanften und nahezu geflüsterten Stimme einer Gefangenen mit.
Dann
schaltete er die Kamera ab.
Für
Momente betrachtete er seinen chaotisch übervölkerten Schreibtisch. Dieser
stand direkt unter dem Fenster, durch welches er auf die Straße hinaussehen
konnte.
››Schmor‘
in der Hölle‹‹, brachte die Gefesselte mit angsterfüllten Augen hervor, mit
welchen sie jenen Mann betrachtete, welcher sie nun jedoch kaum beachtete.
Der
Drucker begann zu rattern und zu surren, als er das Lieblingsbild der Bestie vom
neuesten Opfer ausdruckte. Auch das gehörte zu seinen Spielchen. Schließlich
wollte er die Polizei seine Fotografie-Künste betreffend auf dem Laufenden
halten.
Mortrian Abuzic
››Wie
stellt ihr beiden Idioten euch das vor?‹‹ brüllte Mortrian Abuzic sie am
nächsten Morgen in seinem Büro wütend an. Er hatte heute ausgesprochen
schlechte Laune, als er in die müden Gesichter von Queer und Blank blickte.
››Ich
hoffe doch, euch ist der verdammte Ernst der Lage bewusst? Wir haben hier,
verflucht noch mal, etliche tote Lehrer in den letzten Wochen zu beklagen. Und ihr
pfuscht da am Tatort herum und verkrümelt euch einfach so. Wir sind hier nicht
beim Film, ihr Helden. Das alles ist echt. Scheiße, verdammt.‹‹
Er
betrachtete sie fordernd, bekam jedoch keine Antwort und merkte auch nichts von
irgendeiner Reaktion. Nur die Leere sprach aus ihren Gesichtern und das beunruhigte Abuzic zutiefst.
Norman
bereitete sich darauf vor, seinem Chef eine entscheidende Frage zu stellen. Zu
Beginn räusperte er sich, war sich dann wieder im Klaren darüber, dass er ihm
die Frage wohl bestimmt nicht stellen würde und tat dies dann doch.
››Meinen
Sie nicht, es wäre besser, diesen Fall lieber zwei anderen zu übergeben?‹‹
schoss die Frage irgendwie ängstlich und schnell aus Norman Queers Mund.
Blank
warf seinem Kollegen einen unsicheren Blick zu. Er selbst wurde bei den
bisherigen Ermittlungen zu diesem Fall zweifelsohne ebenfalls von einer Art
Hilflosigkeit begleitet. Aber was Queer da gerade eben gefragt hatte, das grenzte
bereits an den reinsten Irrsinn.
››Ihr
werdet diesen verfluchten Fall bearbeiten, diese ganze Scheiß-Mordserie, oder ihr
könnt euch einen neuen Job suchen‹‹, brüllte Abuzic wieder und schlug im
Anschluss daran fest auf seinen Schreibtisch.
Norman
erwiderte nichts darauf. Er hatte Blank nur kurz angesehen und das war lange
genug gewesen, um zu erkennen, dass dem die gestellte Frage nicht sonderlich
gefallen hatte.
››Was
soll das Ganze eigentlich? Siehst du in diesem Scheißfall irgendeine Möglichkeit,
den ganzen Mist aufzudecken?‹‹
››Das
ist immer noch besser als sich zurückzuziehen, Norman. Das solltest gerade du nur allzu gut wissen‹‹, antwortete
Billy Blank, wobei er sehr unglücklich aussah.
››Wenn
ihr euch diesem Fall verweigert, seid ihr eure verdammten Dienstmarken los.
Dann könnt ihr in der Kloake von Hitchten die benutzten Gummis aussondern oder
Hundekot von den Straßenrändern beseitigen. Ich hoffe, ich habe mich klar genug
ausgedrückt!!!‹‹
Ein
Nicken der Gleichgültigkeit. Und dennoch saßen die Worte von Mortrian Abuzic,
ihrem zweiundfünfzigjährigem, grauhaarigem und zumeist schlechtgelauntem Boss
in seinen immer viel zu engen Anzügen. Rauch von Abuzics Zigarre stieg – sich langsam
kräuselnd – empor. Er betrachtete sie eindringlich und war davon überzeugt, dass
die beiden seine Rede verstanden hatten.
››Leute,
ich habe keine Zeit für diese Kindergarten-Scheiße. Entweder, ihr werdet euch
jetzt sofort in den Streifenwagen begeben und diesen verdammten Irren hier bei
mir abliefern, oder ihr könnt, verdammt noch mal, hier nur noch die
Kaffeemaschine bedienen.‹‹
Nein,
gut zu sprechen war heute in der Tat nicht mit Mortrian Abuzic. So sahen sich
die beiden Streifenpolizisten eine Weile an, bis schließlich Queer derjenige
war, der den Chef zu beruhigen versuchte. Eigentlich jedoch wollte er einfach
nur seine Ruhe haben.
››In
Ordnung, Mortrian. Auf uns ist Verlass‹‹, verkündete Norman, wobei sein
Gesichtsausdruck auf ziemlich alles andere als das hindeutete.
Doch
Mortrian Abuzic nickte nur und führte erneut die dicke Zigarre an seinen Mund,
um einen weiteren Zug daran zu nehmen.
››Raus
jetzt! Und wenn ihr schon dabei seid: Ich will meinen bescheuerten Kaffee.‹‹
Ohne
weitere Worte schlugen sie die Türe hinter sich zu. Die Wucht ließ Abuzic für
Sekunden in der Tat vollkommen fassungslos dreinblicken.
Den
bestellten Kaffee ließen sie links liegen und saßen stattdessen kurz darauf
wieder in Streifenwagen sieben, um sich nicht im Geringsten im Klaren darüber
zu sein, wie sie diesen Fall weiterhin angehen sollten.
››Scheiße‹‹,
war deshalb Norman Queers nur allzu gut passender Kommentar, als sie
schließlich im Wageninneren saßen und er gerade den Zündschlüssel drehte. ››Ich
sag‘ dir was, Billy: Wir reißen diesem Bastard den Arsch so weit auf, dass er
sich wünschen wird, niemals geboren worden zu sein.‹‹
Leichenschauhaus
So
fuhren sie los, ohne auch nur die kleinste Spur in diesem Fall zu haben und
Abuzic, ihr ständig schlecht gelaunter und angespannter Chef, vermieste ihnen
die Laune noch dazu.
››It‘s
getting dark again‹‹, sang es ihnen aus dem Radio entgegen. In der Tat
beschrieb dies die derzeitige Situation recht gut.
››Fahren
wir zu diesem verdammten Leichenschauhaus! Ich brauch‘ die genauen Todesdaten.
Verflucht, warum mache ich das nur?‹‹
Billy
Blank brachte den Vorschlag ein, sich noch mit Donuts zu versorgen. Queer hatte
sich die nächste Zigarette angezündet und beobachtete in Gedanken versunken nur
nebensächlich den Verkehr. Er hatte Blanks Vorschlag abgeschmettert und
steuerte direkt die Leichenhalle des Gralionston-Friedhofs
an.
Sie
hatten keine Zeit zu verlieren, das wussten sie beide.
››Wäre
es nicht besser, zuerst die Schule aufzusuchen?‹‹ fragte Blank wie ein
schüchterner Schuljunge und bekam darauf – wie von ihm erwartet – keine
Antwort.
Sie
hatten es mit einem Wahnsinnigen zu tun, der scheinbar alle Lehrer dieser Stadt
ins Jenseits befördern wollte und mit der Highschool-Süd begann. Seine
Vorgehensweise blieb stets dieselbe: Zunächst ein sauberer Stich ins Herz, dann
die Schnitzerei im Gesicht.
Eine
alte Nummer von Bruce Springsteen ertönte, als Queer den Wagen geschickt in
eine kleine Parklücke jenseits des Friedhofes lenkte und dann das Radio
ausschaltete.
››Los
jetzt, Horror!‹‹
Manchmal
kam es vor, dass Queer seinen Partner Blank Horror
nannte. Das ergab zwar wenig Sinn und auch nicht mehr Zusammenhang, aber Billy
Blank war nun einmal ein großer Horrorfan, trotz des manchmal ausreichend
vorhandenen Grauens im Streifendienst in Hitchten als Polizist.
Blank
hörte auf das, was Norman Queer ihm befahl und stieg aus dem Streifenwagen,
nachdem er die Meldung durchgegeben hatte, dass sie sich nun ins
Leichenschauhaus begeben würden. Wieder war nicht Clarissa diejenige, die seine
Meldung entgegennahm.
››Ich
bin es leid, ständig diese Meldungen durchzugeben. Ich meine, bist du mein Chef,
oder was?‹‹ fragte er Norman. Natürlich war dieser mitnichten sein Boss, aber
ebenso natürlich antwortete er Blank auch nicht auf dessen Frage.
Das
war eine weitere schlechte Angewohnheit von Norman. Wenn er zu etwas befragt
wurde, worauf er keine Antwort geben wollte oder konnte, dann schwieg er
einfach in der Hoffnung, dass sein Gegenüber bald selbst vom Thema abschweifen
würde.
››Lass
uns rein gehen‹‹, meinte Norman, den Streifenwagen abwertend betrachtend und
setzte sich in Bewegung. Ohne Murren und weiteres Verlangen, eine Antwort zu
erhalten, folgte ihm Blank. Diese Art der Hoffnung hatte er längst in der Erde
begraben.
Der
Anblick war nicht ein bisschen angenehmer als in der Nacht zuvor.
Seltsamerweise löste er nun – unter
Tage – eine Gänsehaut bei Queer aus, was Stunden zuvor nicht geschehen war. Er
betrachtete den toten Körper eine ganze Weile.
››Ein
Stich mit einer spitzen, in etwa vierzehn Zentimeter langen Klinge. Eiskalt und
präzise. Alles Weitere ist nur Zierde‹‹, meinte der untersuchende
Leichenbeschauer und inspizierte Queer mit strengem Blick. ››Ich fürchte, da
kommt einige Arbeit auf Sie zu.‹‹
Die
Strenge im Blick von Shula Bunzciorzic, wie der Inder hieß, missfiel Queer zutiefst.
Diese Todesursache hätte er sich auch selbst zusammenreimen können. Dennoch
schwieg er nur und bestätigte den Blick von Bunzciorzic mit einem freundlichen,
dennoch unterkühlten Lächeln.
››Meine
Herren, ich kann Ihnen nur so viel dazu sagen: Bei jedem der momentan der Serie
zuzuordnenden Opfer wurde mit höchster Wahrscheinlichkeit dieselbe Tatwaffe
verwendet. Dieser von Hass scheinbar erfüllte Täter bleibt wohl gern‘ bei
Altbewährtem.‹‹
Blank
warf einen neugierigen Blick auf die etlichen tiefen Schnittwunden im Gesicht
des neuesten Opfers.
››Der
Typ heißt…‹‹, der Inder stoppte, ››…hieß
Jerry Croocher. Armes Schwein, wenn Sie mich fragen.‹‹
Anschließend
ließen sich die beiden die Unterlagen zu diesem Mordopfer von dem Inder
aushändigen und verschwanden, ohne sich zu verabschieden.
››Fahren
wir in diese beschissene Schule‹‹, schlug Blank vor und las sich nebenbei oberflächlich
die Unterlagen durch.
››Wer
macht so etwas, Norman?‹‹ fragte er seinen Arbeitskollegen und Partner, diesen
dabei anblickend.
Ratlosigkeit
seltener Intensität lag im Inneren des Streifenwagens in der Luft und so setzte
Queer auch diesmal den Wagen in Bewegung, ohne seinem stets neugierigen
Kollegen eine Antwort zu geben.
››Gestern
Abend habe ich die Fortsetzung von diesem einen spanischen Höhlenhorrorfilm gesehen‹‹,
erzählte Billy Blank und fluchte kurz darauf einem Fahrradfahrer hinterher, der
von der falschen Seite in den Parkplatz einfuhr.
››Weißt
du, Billy? Manchmal wünsch‘ ich mir, ich hätte eine Familie. Ich weiß nicht
mehr, wie ich diesen ganzen Mist aus meinem Privatleben raushalten kann.
Ständig denke ich an diese Morde und wir haben nicht den kleinsten Ansatzpunkt.
Eine verfluchte Scheiße ist das alles.‹‹
Mitleidig
nickte Blank und spürte erneut den Hunger, welcher ihn seit dem vergangenen
Abend, als er das letzte Mal etwas gegessen hatte, plagte. Dass der gute, alte
Norman mal wieder nicht auf etwas einging, das er ihm erzählte, störte Billy
nicht weiter großartig. So war sein Partner eben.
››Ja.
Und ich denke, ein paar Donuts könnten dir nur gut tun‹‹, lächelte Blank und
erhoffte sich diesmal eine Reaktion.
Aus
dem Radio meldete sich ein Sportreporter.
››Schalt‘
den Mist weg‹‹, bat Norman, der dem Fußball nicht das Geringste abgewinnen
konnte. Blank jedoch amüsierte sich köstlich, dennoch stellte er einen anderen Sender
ein.
››Wagen
sieben? Wagen sieben!‹‹
Entnervt
blickte Queer auf das Funkgerät.
››Was
ist denn nun schon wieder? Muss jemandem was gebügelt werden, oder vielleicht
irgendwo im Revier staubgesaugt? Klar, hier ist Wagen sieben. Bei uns seid ihr immer
richtig.‹‹
››Norman
hier, Wagen sieben. Was ist denn schon wieder, Zentrale? Gibt’s vielleicht
irgendwo Blumen zu gießen?‹‹ wurde Norman mit extrem genervter Stimme los.
››Sehr
witzig. Bitte melden Sie sich unbedingt
bei Abuzic, Norman‹‹, gab die schöne Stimme über den Funk durch. Mehr sagte sie
nicht.
››Was
soll diese Scheiße? Wie sollen wir da vernünftig an diesen Scheißfall rangehen?‹‹
wetterte Billy Blank.
Norman
nickte nur zustimmend. Erneut betätigte er anschließend das Funkgerät. ››Zentrale?
Hier Wagen sieben. Was soll diese Scheiße? Muss irgendwo ein Rasen gemäht
werden, oder was?‹‹ zürnte er.
››Was
das soll? Frag‘ das den Chef, aber nicht mich, Süßer.‹‹
Erneut
beendete sie das Gespräch. Queer schüttelte den Kopf.
››Planänderung‹‹,
meinte er.
››Hier
geht es nicht zum Revier‹‹, stammelte Blank vorsichtig und wunderte sich. Queer
lächelte nur und nickte.
››Das
weiß ich, Billy. Wir werden auch nicht ins Revier fahren.‹‹
Der Mann mit dem kantigen Gesicht
Die
Auflösung des Digitalbildes gefiel ihm nicht besonders, wie er bemerkte, als er
sich dieses einige Minuten beinahe verträumt angesehen hatte. Er hatte vor, irgendwie
und irgendwann ein Buch mit den Beschreibungen all seiner Morde und den dazugehörigen
Bildern der Opfer zu veröffentlichen. Bei dieser kranken und nach Sensation
hechelnden Menschheit – davon war er überzeugt – würde dieses Buch der reinste
Kassenschlager werden.
Den
Ausdruck des Fotos hatte er in einen Umschlag gesteckt, nachdem er diesen mit
der am Tag zuvor gekauften Schreibmaschine adressiert hatte. Alles verlief nach
Plan und er hatte großen Spaß an dem, was er tat. Mit seiner großen rechten
Hand strich er sich seine Haare aus der Stirn und betrachtete noch immer
unzufrieden das Bild in seinem Rechner. Auch mit den Schnitten im Gesicht war
er nicht allzu glücklich.
Seine
Arbeit erschien ihm diesmal durchaus ein wenig gepfuscht. Aber Spuren hatte er
nicht hinterlassen, das wusste er mit Sicherheit. Nach einigen weiteren Minuten
der Unzufriedenheit erhob er sich, entschied sich dann jedoch, noch ein wenig
zu warten.
Er
konnte sich nicht erklären, weshalb, jedoch erschien ihm der Zeitpunkt noch
nicht gekommen, den Umschlag in einen der nächsten Briefkästen zu werfen, damit
dieser als kleine Aufheiterung das Polizeirevier erreichen würde.
Schließlich
drehte er sich um.
››Zieh‘
dich jetzt aus, Hure!‹‹ befahl er mit lüsternem Blick.
Dann
fiel er über die willige Prostituierte her. Sicherlich hatte auch die große
Menge Koks das seinige zu dieser Begierde beigetragen.
Für
einige Zeit interessierte ihn nur noch ihr Körper. In seinen Augen standen ihm
das reinste Verlangen und Wahnsinn geschrieben.
Planänderung
››Was,
verdammt und halleluja, soll das, Norman?‹‹ fragte Billy Blank und schüttelte
verständnislos und unsicher den Kopf, während Queer von einer Straße in eine
andere abbog.
››Keine
Sorge, Billy. Das wirst du gleich erfahren‹‹, entgegnete Queer und schien sich
sehr über etwas zu amüsieren. Möglicherweise waren das irgendwelche
Gedankenspiele, welche er in seinem Kopf verspann.
Blank
wusste nur eines: Er wurde noch immer von diesem großen, ihn zutiefst quälenden
Hunger verfolgt.
››Norman.
Hör‘ mir zu, verflucht! Wir müssen ins Revier. Weiß der Kuckuck, was Abuzic
wieder hat, aber ich halte es nicht für sehr ratsam…‹‹
Weiter
kam er mit seiner Meinung nicht, denn langsam begann er, zu begreifen. Sie
befanden sich momentan auf der Straße, welche aus Hitchten hinaus führte und
gleichzeitig die Verbindung in irgendein dieser Millionenstadt nahegelegenes
Nest darstellte.
››Das
können wir später erledigen, Billy. Und diese verfluchte Schule interessiert
mich im Augenblick nicht im Geringsten.‹‹
Blank
hatte noch immer keine Ahnung, was Queer vorhatte.
››Wo
fährst du hin? Ich hab‘ ein verfluchtes Recht, das zu erfahren. Ich bin dein Partner.
Ich steck‘ in dieser ganzen Scheiße mit drin.‹‹
››Nennen
wir es Eigenermittlung, mein guter Billy.‹‹
Norman
sprach die Worte genau so aus, wie Sherlock Holmes stets seinen Begleiter
Watson angesprochen hatte.
››Du
willst also tatsächlich eine weitere Suspendierung?‹‹ fragte Blank und lauschte
mit einem Ohr wieder der Radiosendung, welche nun ››The sun ain‘t gonna shine
anymore‹‹ spielte. Blank mochte diese Art von älterer Musik, er konnte sich
jedoch den Interpreten nicht ins Gedächtnis zurückrufen.
››Halt‘
die Klappe, ja?‹‹ gab Queer von sich und wirkte dabei sehr bestimmt und
konzentriert. Noch achthundertdreiundzwanzig Meter trennten sie vom Stadtrand
Hitchtens.
››Scheiße,
Norman. Das gefällt mir absolut nicht.‹‹
››Ich
weiß.‹‹
››Dieser
Inder, Shula Bunzciorzic, ein seltsamer Vogel, oder?‹‹ fragte Billy Blank. Er
bekam keinerlei Antwort.
Norman
imponierte das fabelhafte Namensgedächtnis von Billy Blank. Die beiden
ergänzten sich betreffend Queers fotografischem Gedächtnis vermischt mit Blanks
beeindruckendem Namensgedächtnis sehr gut.
››Der
Boss reißt uns den Kopf ab, wenn wir nicht gleich bei ihm auftauchen. Ich
hoffe, du weißt das‹‹, sagte Blank und unterbrach die Momente von Queers innerer
Bewunderung angesichts des Namensgedächtnisses von Billy.
››Wir
sind die Besten. Vergiss das nicht! Er wird uns während dieses Lehrer-Falles
nicht suspendieren.‹‹
Angesichts
ihrer derzeitigen Erfolglosigkeit kam Blank diese Aussage doch sehr fragwürdig
und lächerlich vor.
››Du
würdest nur versuchen, mich davon abzuhalten. Aber ich versichere dir, dass du
keine üblen Folgen zu befürchten hast, wenn du mich jetzt einfach fahren lässt.‹‹
Die
Melodie des Songs klang sehr wohlig in den Ohren von Blank. Er fühlte sich
gegenüber Queer unterlegen, denn er wusste nur zu gut, dass sein Partner
durchsetzte, was er durchsetzen wollte. Das hatte mit Demokratie nichts mehr zu
tun. Er war einfach sehr sicher und überzeugt in all seinen Handlungen. Und
wenn schon? Momentan hatte Blank selbst keinen besseren Vorschlag vorzubringen.
Nur
Abuzic erwartete sie und der Chef konnte sehr
unangenehm werden, wenn er wollte. Am Morgen hatten sie nicht einmal einen
Bruchteil seiner Gnadenlosigkeit miterleben müssen. Dennoch verstummte Blank
erneut, beobachtete, wie sich der anscheinend leicht aufgeregte Norman Queer eine
weitere Zigarette anzündete und lauschte dann den letzten Takten des Liedes,
ehe dieses von einer Sondermeldung über den neuesten Mord in Hitchten – eben jenem
an Jerry Croocher – unterbrochen wurde.
››Verflucht,
ich dachte, sie würden keine Meldung darüber an die Öffentlichkeit bringen?!‹‹ stotterte
Billy Blank beinahe. Norman, der um einiges mehr Erfahrung aufzuweisen und in
den vielen Jahren seines Streifendienstes wesentlich mehr miterlebt hatte, wusste
es selbstverständlich besser.
Nun
tanzte Rock ‚n‘ Roll durch den Streifenwagen, denn der Song ››Gimme Shelter‹‹
von den Rolling Stones erklang aus den immer wieder ein wenig knisternden
kleinen Boxen. Queer wippte lässig zum Takt der genialen Nummer.
››Das
sollte auch nicht an die Öffentlichkeit, Billy. Aber heutzutage sind Leute so
schnell käuflich, verdammt. Die Medien wären doch dumm, wenn sie Informationen
nicht dem Publikum präsentieren würden. Das musst du als etwas Alltägliches
verstehen, Billy. Die Presse, das Fernsehen, das Radio, das ganze verfluchte
Internet, die alle haben nie etwas anderes getan, als uns Polizisten an unserer
Arbeit zu hindern.‹‹
Längst
hatten sie die Stadtgrenze hinter sich gelassen und nun warf Blank – einsichtig
und doch ein klein wenig überrascht – einen Blick zurück auf die Wolkenkratzer von
Hitchten, die langsam zu versinken schienen, je mehr sie sich von der
Stadtgrenze entfernten.
››Diese
Welt ist eine einzige Kloake, Billy. Aber du musst lernen, in dieser Kloake zu
leben und zu bestehen. Anders wirst du‘s nicht schaffen.‹‹
Mit
der Zeit nervten Billy Blank die ständigen Ratschläge seines mit zittriger Hand
an der Zigarette ziehenden Kollegen. Das Lied der Stones fand aber auch er ganz
fantastisch.
››Wo
fährst du hin, Norman? Ich werd‘ dich nicht dran hindern, aber spuck‘s schon
aus.‹‹
Blank
hielt abermals die Abschlussunterlagen der Untersuchungen des Leichenbeschauers
in den Händen. Nebenbei fiel ihm auf, dass der Inder sehr schnell zu einem
Abschluss seiner Untersuchungen gekommen war. Ein Wunder war dies jedoch
keinesfalls und genau diese Monotonie der Gleichheit der zurückgelassenen
Leichen bereitete Billy Blank im Augenblick Sorgen.
Norman
Queer antwortete weiterhin erwartungsgemäß nicht und beobachtete stattdessen
nur den Verkehr vor sich.
››Geduld
ist ebenfalls etwas, das du dir auf dem schnellsten Wege aneignen solltest,
Partner‹‹, wusste Norman Queer zu vermelden und lenkte den Wagen wenige
Augenblicke später von der Interstate.
››Du
fährst nach Knocksville?‹‹ wollte Blank erfahren.
››Ganz
Recht, mein Freund. Lass uns mit der Arbeit beginnen.‹‹
Norman
hatte ein festes Ziel vor Augen. Das vermutete Blank nicht zuletzt daher, da der ganz gezielt Knocksville anfuhr,
sondern er hatte es einfach im Gespür. Als sie kurz darauf das hölzerne
Ortsschild der Viertausendseelengemeinde passierten, hatte Norman Queer bereits
ein Lächeln der Zufriedenheit aufgesetzt.
Billy
Blank betrachtete nun erneut etwas genauer den Untersuchungsabschluss des
Inders Bunzciorzic.
››Weißt
du, Norman? Ich sehne mich nach einer Zeit, in der wir nicht jede verdammte
Scheiß-Nacht wegen einem beschissenen weiteren verfickten Mord geweckt wurden.‹‹
Norman
Queer verstand seinen Kollegen nur zu gut. Im Gegensatz zu diesem hatte er sich
jedoch bereits daran gewöhnt, dass diese Wünsche für immer Vorstellungen und
niemals im Leben Wirklichkeit werden würden.
Nachdem
weitere zwei Minuten vergangen waren, lenkte Queer den Wagen geschickt in die
Einfahrt vor einer kleinen Bar. Er hatte noch immer dieses wahnsinnige Lächeln
des Sieges im Gesicht.
››Was
soll das?‹‹ fragte Blank und stierte in Richtung der zumindest von außen
schäbig anmutenden Bar. Das war eine erbärmlich aussehende Spelunke, die nicht
die geringste Spur von Hilfe in ihrem Fall vermuten ließ.
››Ich
verstehe. Das Ganze hat überhaupt nichts mit unserem Fall zu tun.‹‹
Norman
schüttelte bestimmt den Kopf.
››Du
liegst so falsch, wie seit langer Zeit nicht mehr, Billy. Steig‘ aus und du
wirst die Wahrheit erfahren.‹‹
Ohne
weitere Verzögerungen folgte Billy Blank dieser Aufforderung.
››Wir
befinden uns hier auf einem langen Pfad der Irre‹‹, meinte Blank und folgte Norman.
››Vielleicht
sollten wir trotzdem eine Meldung durchgeben?‹‹ riet Billy Blank, doch Queer war
bereits zu weit entfernt, um dies zu verstehen und Billy wusste nur zu gut, dass
er auch dann nicht reagiert hätte,
wenn er ihn verstanden hätte.
Etwas
demütig folgte er seinem eigenwilligen Partner in Richtung der kleinen Bar.
Douglas Mills
Ein
neonorange-farbiges, ebenfalls bereits recht heruntergekommen aussehendes
Schild deutete auf ››Mills‘ Bar‹‹ hin.
Das
Summen verstummte immer wieder und wurde durch den starken Novemberwind
übertüncht, ehe es sich abermals durchzusetzen vermochte und erneut in ihre
Ohren drang.
Norman
hatte die Kneipe bereits betreten. Countrymusik spielte ihnen entgegen und als
auch Billy die dunkle Bar betrat, stach ihm sofort der abgestandene Geruch von
Schweiß und Zigaretten in die Nase. Er kämpfte dagegen an, sich auf der Stelle
zu übergeben.
››Tag,
Mills‹‹, begann Norman, während Blank den kleinen, untersetzten Mann, der eine
unscheinbare Ausstrahlung auf ihn ausübte, erst nach einer längeren Weile bemerkte.
››Lange
nicht gesehen, Kumpel. Wie geht’s denn so?‹‹
Mills,
wie der Kerl offensichtlich hieß, beachtete Billy Blank nicht im Geringsten, so
als sei er nicht existent. Und Billy spürte, dass er dies mit Absicht tat.
Dieses ihm unsympathische Verhalten jedoch schloss er auf die Seltsamkeit der
Bürger dieser kleinen Orte im Allgemeinen.
Er
beobachtete die beiden und wünschte sich, diese grauenhafte Countrymusik möge
bald zu Ende sein. Stattdessen folgte ein weiteres Country-Lied, in dem tiefe
Stimmen über verflossene Lieben und Kämpfe um Frauen sangen.
››Schöne
Scheiße, was bei euch wieder los ist, Norman‹‹, meinte Douglas Mills und Queer war
sofort klar, dass sein alter Bekannter die Lehrermorde meinte.
››Ja,
auch das hat mit meinem Besuch zu tun, Mills. Hör‘ mir zu! Du musst was für uns
tun.‹‹
››Wer
ist er?‹‹ begann Douglas Mills und
Queer starrte auf seinen Partner, der sich in der Nähe des Ausgangs aufhielt.
Im Augenblick rümpfte er sich die Nase, denn der Geruch war doch sehr extrem.
››Ich
rede nicht von deinem Anhängsel‹‹, raunte Mills, ehe Queer seinen Kollegen
hätte vorstellen können. Eigentlich jedoch hatte er gewusst, dass Mills seinen
Partner nicht beachten würde. Er war aufs äußerste misstrauisch und zählte nur
sehr wenige Menschen zu seinem Freundeskreis.
››Keine
Ahnung, Mills. Jedenfalls hält er uns ziemlich auf Trab, wer auch immer das
alles angestellt hat. Mills, du weißt,
dass du mir einen Gefallen schuldest?‹‹
Stille
kehrte ein und aus den kleinen Boxen des Radiogerätes verkündete ein Moderator
die neuesten Nachrichten.
Douglas
Mills starrte seinen alten Freund eine ganze Weile an und sagte nichts. Dennoch
geschah etwas mit ihm, als er sich an jenen entscheidenden Moment erinnerte.
Röte stieg in sein Gesicht und er verspürte eine seltsame Mischung aus Scham,
Unterlegenheit und Zorn.
››Scheiße
und zur Hölle, Norman. Erzähl‘ mir keinen Quatsch! Das ist so lange her.‹‹
Verständnislos
beobachtete Blank dieses Gespräch und konnte sich zugleich keinen Reim darauf
machen, aus welchem Grunde Queer diesen seltsamen Mann aufgesucht hatte. Der
viel zu schwach arbeitende Ventilator fächerte ihm eine neue Welle des
schlechten Geruchs ins Gesicht. Angewidert drehte er sich in eine andere
Richtung und beobachtete dann aus nun größerer Entfernung die beiden.
Norman
zeigte äußerlich keine besondere Reaktion auf Mills‘ Worte hin. Innerlich
jedoch begann es in ihm zu brodeln.
››Ach
ja, Mills?‹‹
››Du
tauchst hier ein Jahr nicht auf, niemand weiß etwas von dir, Norman. Und nun
soll ich dir helfen? Denkst nicht auch du,
dass diese Bitte ein klein wenig vermessen ist? Verdammt, ich schulde dir genau
nichts. Hast du das kapiert? Bestell‘ dir, verdammt noch mal, etwas, oder
verschwinde aus meiner Bar! Das ist nicht mein Tag, Kumpel.‹‹
Aus
der Ferne war wieder das Funkgerät des Streifenwagens zu hören, während Queer nur
leicht mit dem Kopf nickte und sich zu seinem Partner umwandte.
››In
Ordnung, Mills. Ich lass‘ dich, verflucht noch mal, hochgehen und du weißt
genau, dass du keine Chance hast, dann auch nur noch den Wunsch zu äußern, du
hättest mir an jenem verfluchten Nachmittag nicht die falschen verdammten Worte
ins Gesicht gespuckt. Verlass‘ dich drauf.‹‹
Wieder
blickte er sich zu Mills um. Es befand sich kein weiterer Gast in der kleinen Bar.
››Und
schalt‘ diesen verfluchten Ventilator aus! Ich weiß, dass du schon wieder so
zugekokst bist, dass es dir vorkommt, als wärest du in der heißesten und
gnadenlosesten aller erdenklichen Wüsten. Aber merk‘ dir eins, Mills: Diese
Undankbarkeit wird dich Kopf und Kragen kosten.‹‹
Dann
verschwand Norman, gefolgt von einem verwunderten Blank, aus der verrauchten
Bar, ohne zu erkennen, wie sich Douglas Mills hinter der engen und schmalen
Theke hervortat und ihnen nachmarschierte.
››Norman,
lass mit dir reden, verflucht noch mal.‹‹
Mills
wusste sehr wohl, dass Queer ihn tatsächlich ohne große Probleme wegen dessen
ständiger Drogengeschäfte dran bekommen konnte. Dennoch vermochte er nicht den
Mut aufzubringen, seine Winchester
unter dem Ladentisch hervorzuziehen, mitten auf den Rücken von Queer zu zielen
und abzudrücken.
››Zur
Hölle mit dir, Mills!‹‹ meinte Queer gleichgültig. ››Du hattest deine Chance,
Doug. Jetzt ist es zu spät.‹‹
Ängstlich
und nachdenklich zugleich blickte Mills seinem alten Freund hinterher.
››Ich
weiß, weswegen du mich aufgesucht hast. Ich hab‘ viele Beziehungen, Norman.
Aber ich kann dir bei dieser ganzen Scheiße nicht behilflich sein, denn dieses
ist ein Werk eines Irren.‹‹
Nun
drehte sich Queer nochmals zu Mills um, der im Türrahmen der Bar stand, von wo
aus er den Streifenwagen anstarrte, als handle es sich bei diesem um ein UFO.
››Nutz‘
diese letzte Chance, Mills, oder erstick‘ jämmerlich an deinem Stoff. Du weißt,
dass ich dich nicht auffliegen lassen
werde, weil das viel zu gutmütig wäre. Ich wollte dir nur eine Chance geben,
uns bei diesen bescheuerten Ermittlungen zu unterstützen, um zur Abwechslung
was Sinnvolles zu machen, um aus dieser Scheiß-Bar rauszukommen. Aber das ist deine Entscheidung. Und diese Hilfsbereitschaft werd‘ ich mir
merken, mein Freund.‹‹
Gespannt
beobachtete Billy Blank das weitere Geschehen und spürte erneut dieses Gefühl
des Hungers.
Mills
hatte mit seinen Zweifeln zu kämpfen und es verstrichen weitere drei Minuten,
in denen nichts geschah, außer einem Funkspruch der Zentrale, dass Queer und Blank
auf schnellstem Wege ihren Arsch zu Mortrian Abuzic bewegen sollten.
Dann
jedoch entschied sich Mills für etwas, das Queer nicht für möglich gehalten
hatte: Er schloss die Tür seiner Bar ab, warf ihr durch das seitliche, große
Glasfenster einen letzten Blick zu, und schlenderte dann dem Streifenwagen
entgegen. Den Blick hielt er währenddessen auf Norman Queer gerichtet.
››Ich
wusste es‹‹, meinte dieser erfreut und überzeugt klingend, als sich Douglas
Mills auf dem hinteren Sitz des Wagens niedergelassen hatte, wobei eine
Staubfontäne durch die Luft wirbelte.
››Das ist der Mills, wie ich ihn kenne.‹‹
Wenige
Augenblicke später drehte er den Zündschlüssel und setzte den Wagen aus der
Einfahrt.So… Hier endet die Leseprobe zum Psycho-Thriller ››ANGST‹‹ mit Humor & jeder Menge Merkwürdigkeiten von Julius Cyphandrius, wobei dies das Pseudonym vom tatsächlichen Autor Linus Lumpitzsch ist. Wer nun Lust darauf bekommen hat, die Geschichte weiterzulesen, kann das sehr gerne tun. Das würde mich glücklich machen.
Erhältlich ist ››ANGST‹‹ im Kindle Store von Amazon als E-Book.
Hier der Link zur Artikel-Seite bei Amazon: http://www.amazon.de/Angst-Julius-Cyphandrius-ebook/dp/B00J7RL0C4/ref=la_B00J8NB9XM_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1395852574&sr=1-1
Website des E-Book-Psychothrillers ››ANGST‹‹:
http://www.hitchten.de/angst/
http://www.hitchten.de/angst/

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen